Der Glaube der Niasso

Die Schamanen - eigentlich "Geisterfinder" - erhalten, verbreiten und leben den Glauben der Niasso. Sie sind Dreh- und Angelpunkt in allen Glaubensfragen.

Die Niasso leben im Dschungel bzw. Sumpf und glauben, daß dort überall um sie herum Geister sind. In Bäumen und Tieren, Steinen, Wasser, Feuer, Luft. Dabei ist es nicht unbedingt so, daß ein Geist die Seele eines Baumes ist, sondern, eher daß ein Geist diesen Baum/Stein/Tier bewohnt.

Geisterglaube

Die Geister haben keine zwangsläufige Beziehung zu den Niasso, sondern ihren eigenen Willen. Aber sie können, wenn man ihnen "achtbar und ehrfurchtsvoll" begegnet durchaus helfen. Es gibt darunter auch unfreundliche Geister, die den Niasso vielleicht Prüfungen auferlegen, sie strafen oder nur spaßenshalber quälen. Auch werden bedeutende Geschicke von den Geistern gelenkt, wobei an ein im einzelnen vorbestimmtes Schicksal nicht geglaubt wird.

Diese Geister sind beständig und zeitlos, also nicht von Glauben und/oder Wissen abhängig oder von irgendwelchen menschlichen/niasso Zeitbegriffen. Auch sind diese Geister keine reinen Glaubensprodukte, es gibt im Dschungel tatsächlich "übernatürliche" Erscheinungen, wenn vielleicht auch nicht in der von den Niasso angenommenen Form.

Seelen von Lebewesen

Die Niasso glauben, wenn sie (bzw. intelligente Lebewesen) sterben, bleibt der Geist (Seele) des Toten noch eine ganze Weile bei der Familie und dem Stamm. Dieser Tote wird damit zu einem Ahnen, der halb in der Welt der Niasso und halb in der Geisterwelt wandelt. Die Ahngeister können ihre Verwandten unterstützen, und sie können Bindeglied zu den "richtigen" Geistern sein.

Nach einigen Jahren - wenn der letzte, der diesen Ahnen lebendig gekannt hat, stirbt - verlässt der Ahngeist die Familie, wandelt sich entweder zu einem "richtigen" Geist oder löst sich auf und "verteilt" seine Essenz auf den Dschungel oder auf die Lebenskraft der Niasso, für neue Nachkommen. Meistenteils geht die Geistessenz der Ahnen auf die Nachkommen über - praktisch eine Wiedergeburt der Kraft, wenn auch nicht der jeweiligen Seelen. Vielleicht "zerfasert" der Ahne mit der Zeit und geht, wenn er sich ganz auflöst, auf seine Familie über…

Damit könnte man beispielsweise sagen: wenn man die Ahnen nicht ehrt, gibt es keine Kinder mehr. Nur in besonderen Fälle wandelt sich die Seele anders, zu einem richtigen Geist, vielleicht weil er eine besondere Beziehung zu den Geistern hat (Geisterfinder) anstelle zur Familie; oder weil ihm die Familienbeziehung fehlt - ein Ausgestoßener vielleicht, oder ein Außenseiter, dessen Seele dann von den Geistern eingeheimst und selbst zum Geist wird oder in Pflanzen und/oder Tieren wiedergeboren wird.

Die Lebenden, die Toten bzw. Ahngeister und die richtigen Geister - sie alle zusammen bilden im Verständnis der Niasso die "Waldseele", quasi die gebündelte Lebens- und Geisterkraft, eine Art Metageist.

Die Bedeutung der Namen

Ebenfalls sehr wichtig im Glauben der Niasso sind die Namen - sie "fassen das Innerste eines Wesens", wie sie es ausdrücken würden. Namen zu nennen, ist ein Zeichen von Respekt und Achtung - nicht aber zwangsläufig von Vertrauen (also nicht: meinen Namen sag ich nicht, weil du damit Unsinn machen kannst). Einem genannten Namen seinen eigenen zu verweigern, ist dabei mehr als unhöflich - einen Namen für einen Namen.

Die Namen der Niasso bleiben ihr ganzes Leben lang erhalten und sind nicht von Taten oder Alter abhängig. Der Name wird einem Kind von der Mutter gegeben und vom Geisterfinder bestätigt. Die Namensfindung - die ja das Wesen des Kindes für sein ganzes Leben lang fassen muss - erfolgt während oder kurz nach der Geburt, vermutlich durch den Einfluß der Ahnen/Geister. Der Name passt dabei auch für das ganze Leben, notfalls als "selbsterfüllende Prophezeiung", wenn einer der Erfüllung des Namens nachjagt.

Man könnte es tatsächlich so sehen, daß dem Kind bei Geburt eine Voraussage auf sein Leben gegeben wird, die sich im Namen ausdrückt. Bei manchen bezogen auf Eigenschaften, die vielleicht bald offensichtlich werden und das ganze Leben vorhanden sind; bei anderen vielleicht auch für ein besonderes Ereignis, daß dann tatsächlich irgendwann vorkommt. Dieses muß nicht sofort sein und auch nicht spektakular.

Der Name dient also als Quasi-Prophezeiung zur Geburt. So könnte ein ein Niasso-Kind mit hochnoblen Namen einen Kosenamen für den täglichen Gebrauch tragen, wenn der richtige (z.B. Alter Haselmaussammler) offensichtlich noch unpassend ist.

Ein paar Namensbeispiele:
  • Tiquitiquai = Kleine Schwester der Wasserschlange
  • Quadanpchieka = Jagender Giftdorn
  • Iofnia = Feuerfrau